Osmanisch

osmanisch

Das Osmanische basiert auf dem Anatolischtürkischen und war die offizielle Verwaltungssprache des Osmanischen Reiches (1299-1918). Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurden jedoch in immer stärkerem Maße arabische und persische Elemente in die Sprache aufgenommen, so daß in manch einem Text kaum mehr ursprüngliches türkisches Vokabularzu finden ist. Es wurden dabei nicht nur Vokabeln in großer Zahl entlehnt, sondern mit ihnen auch das grammatische System des Arabischen und Persischen. So kommt es häufig vor, daß Wortfolgen oder Sätze in einer dieser Sprachen in osmanischen Texten auftauchen, eingebettet in ein osmanischtürkisches Satzgefüge. Mitunter finden sich sogar ganze Abschnitte oder Gedichte auf Arabisch oder Persisch in einem osmanischen Text. Bei der Verwendung von arabischen oder persischen Worten im Osmanischtürkischen gilt im allgemeinen die Regel, daß türkische Wörter nur mit türkischer Grammatik, persische mit türkischer und persischer, arabische Wörter aber mit türkischer, persischer und arabischer Grammatik gebraucht werden können. Ausnahmen von dieser Regel - wenn z.B. türkische Wörter in einer persischen Izafet-Verbindung stehen - werden als "berühmte Fehler" bezeichnet. Da das Osmanische - von sehr wenigen, immer seltener werdenden Ausnahmen einmal abgesehen - keine gesprochene Sprache mehr ist, liegt das Schwergewicht in dieser Einführung auf der grammatischen Analyse und dem Übersetzen von Texten. Denn in schriftlicher Form begegnet das Osmanische noch allenthalben in älteren Büchern, Zeitschriften, Dokumenten, Urkunden oder Briefen und ist somit der Schlüssel für die Erforschung der Geschichte und Kultur der Türkei und vieler anderer Länder, die einst ein Teil des Osmanischen Reiches waren. Erst im Jahre 1928 ist mit der Schriftreform in der Türkei das Osmanische quasi zum Türkeitürkischen geworden. Tatsächlich aber läßt sich eine genaue Trennlinie zwischen Osmanisch· und Türkeitürkisch nicht ohne weiteres ziehen. Denn wenn auch im offiziellen Gebrauch die arabische Schrift nach 1928 abgeschafft war, so gaben doch viele Türken privat weiterhin der ihnen vertrauteren Schrift vor der neueingeführten lateinischen den Vorzug. Die Sprache selbst änderte sich erst langsam, seitdem Anfang der 1930er Jahre die Türkische Sprachgesellschaft (Türk Dil Kurumu) gegründet worden war, zu deren Hauptaufgaben die "Säuberung" der türkischen Sprache von fremden (arabischen und persischen) Elementen zählte. Die dann eintretenden und sich im Laufe der Zeit verstärkenden Veränderungen der Sprache erfolgten freilich nicht in allen gesellschaftlichen und sprachlichen Bereichen mit gleicher Geschwindigkeit und Intensität. In der Juristen- und Amtssprache beispielsweise herrscht sogar bis heute ein aus dem Osmanischen überkommener Stil vor, und es wird reichlich arabisches Vokabular verwendet. Ähnliches gilt auch für den religiösen Bereich, in dem das Arabische, als Sprache des Koran, naturgemäß eine bedeutende Rolle spielt, und arabische Worte oder Floskeln eben auch in die türkische Rede eingebunden werden. Vor allem durch die Substitution etlicher arabischer und einiger persischer Vokabeln hat sich die Sprache jedoch insgesamt so weit verändert, daß die heutigen jungen Türken kaum in der Lage sind, einen osmanischen Text vom Ende des 19. oder dem Beginn des 20. Jahrhunderts ohne Wörterbuch zu verstehen - auch wenn er in Lateinschrift vorliegt. Erhebliche Verständnisschwierigkeiten können selbst noch bei - vor allem wissenschaftlichen - Texten auftreten, die aus den 30er bis 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen, je nach dem, in welchem Maße der Verfasser arabisches Vokabular verwendete. Dieses sollte als Hinweis darauf genügen, daß das Osmanische durchaus nicht mit dem Untergang des Osmanischen Reiches 1918-1923 seinen Atem aushauchte, sondern daß dieser in verschiedenen Formen noch weit in die Zeit der Türkischen Republik hinein spürbar war und es zum Teil sogar heute noch ist. Diese Einführung zielt vor allem darauf ab, an die Lektüre und Übersetzung gedruckter osmanischer Texte heranzuführen.

(aus: Korkut Buğday, Osmanisch, Einführung in die Grundlagen der Literatursprache, 1999)

 

Literaturliste:

  • Grammar of the Turkish language 1709 Vaughan
  • Redhouse Dictionary 1880
  • Korkut Buğday, Osmanisch
  • H.J. Kissling, osmanisch-türkische Grammatik
  • Kreutel
  • Ferit Devellioğlu, Osmanlıca-Türkçe Lugati, 1500 S.
  • J. P. Laut, Chronologie wichtiger Ereignisse im Verlauf der türkischen Sprachreform
   
© 2018 Irene Kober